DIE KETTE DURCHBRECHEN

DIE KETTE DURCHBRECHEN
DIE KETTE DURCHBRECHEN
Geschehen Unfälle einfach – ist das bloss Glück oder Pech? Oder kann man sie verhindern? Das Risiko minimieren? Kann man “Glück haben” lernen? Kann man “Pech haben” verlernen? Wie bei viele Sportarten, bei denen man sich mit Naturkräften auseinander setzen muss, gibt es beim  Segeln auch ein gewisses Risiko – aber wie kann man das richtig einschätzen oder sogar minimieren? Ich habe aus persönlichem Interesse früher oft Flugunfallberichte gelesen, in den letzten Jahren natürlich vermehrt nautische Unfallberichte, z.B. des MAIB (Marine Accident Investigation Board) der englischen Coast Guard. Wenn man viele dieser Berichte gelesen hat, zeichnet sich mit der Zeit ein Bild ab: Unfälle geschehen nicht einfach, sie werden “gemacht”.
In der Regel passiert nicht einfach “Etwas”, sondern erst eine Verkettung von verschiedenen Faktoren führt letztendlich zum Unfall. Wenn jeweils nur ein einziger dieser Faktoren anders gewesen wäre, hätte es nicht “gekracht”.
Ich habe für mich die folgenden Faktoren als häufige/hauptsächliche Unfall-Mitverursacher ausgemacht:
01 Fahrzeug / Ausrüstung ist der Aufgabe nicht gewachsen.Ob man mit Sommereifen im Schnee zu fahren versucht, mit einem nur für Sichtflug ausgerüsteten Flugzeug in die Wolken fliegt, oder mit einer Luxusyacht bei Windstärke 7 ausläuft: Es passt einfach nicht zusammen und der Unfall ist sozusagen vorprogrammmiert.Das sind zwar extreme Beispiele, die allein schon als Unfallverursacher ausreichen können, dasselbe gilt jedoch auch für weniger krasse und eventuell weniger offensichtliche Verhältnisse.Nennen wir es mal zusammenfassend “Überschätzung der Möglichkeiten des Fahrzeugs” 02 Besatzung ist der Aufgabe nicht gewachsen.Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit, Segeln unter Wetterbedingungen, denen man persönlich nicht gewachsen ist, Tauchen in Tiefen oder unter Umständen, für die man nicht ausgebildet ist….Auch hier könnte man das zusammenfassen unter “Überschätzung der Möglichkeiten der Beteiligten” 03 Komponenten versagen:Wenn Teile oder Systeme versagen, können verschiedene Ursache vorliegen:Unsachgemässer Einsatz, schlechte Qualität und mangelnde Wartung sind wohl die häufigsten.
04 Fehleinschätzung der Verhältnisse:Wattwanderer können wohl ein Lied davon singen, ebenso Bergwanderer, aber auch Segler, die keinen aktuellen Wetterbericht hatten, oder Schwimmer,  die Strömung unterschätzt haben: man war nicht auf die Verhältnisse vorbereitet, die man dann angetroffen hat, oder die sich unerwartet verändert haben. 05 Gleichgültigkeit (complacency)Eine einfache Aufgabe wird nicht ernst genommen, man macht keinen Plan, bloss um schnell in die nächste Bucht zu fahren (siehe Bild), oder nach dem Übersegeln der Ziellinie geschieht ein Unfall, weil alle gedacht haben, “jetzt ist es geschafft” und in ihrer Aufmerksamkeit nachgelassen haben. 06 Jemand anders macht einen Fehler:Ob sich jemand anders nicht an die Verkehrsregeln hält, oder ein “Fachmann” eine Reparatur oder Einstellung an deinem Fahrzeug nicht korrekt ausgeführt hat, ob unerwartete Richtungsänderungen oder Stopps eines anderen Verkehrsteilnehmers dich plözlich zu einer Reaktion zwingen:Du brauchst Reserven, um das abzufangen 07 Shit happens: Manchmal geschieht einfach etwas Unerwartetes, manchmal hat man einfach Pech. Shit happens.
Die 49m Motoryacht “Lands End” lief bei strahlendem Sonnenschein auf ein nicht markiertes, aber in allen Seekarten verzeichnetes Riff vor Korsika auf und sank zwei Tage später.
Das Interessante daran ist, das man zu einem grossen Teil tatsächlich seines Glückes Schmied sein kann, denn zumindest bei den ersten fünf Unfallfaktoren kann man durchaus präventiv tätig sein, um die Risiken signifikant zu verringern. Die letzten beiden Faktoren lassen sich nicht direkt beeinflussen, aber  wenn man sich bei den vorherigen Reserve geschaffen hat, kann man unter Umständen trotzdem einen Unfall abwenden.
Wie kann man also die folgenschwere Verkettung der Umstände durchbrechen?
01 Fahrzeug / Ausrüstung ist der Aufgabe nicht gewachsen.-> Fahrzeug und Aufgabe aneinander anpassen.evtl muss man seine Yacht gehörig aufrüsten, um den geplanten Atlantik Törn zu machen, oder eine weniger anspruchsvolle Reise planen 02 Besatzung ist der Aufgabe nicht gewachsen.-> Ausbildung und fortlaufendes Training sind hier die Allheilmittel. 03 Komponenten versagen:-> Präventive Wartung/ Wartung nach Plan, überprüfen der Komponenten auf Eignung (besser Dimensionierte oder bessere Qualität) 04 Fehleinschätzung der Verhältnisse:-> Erfahrung und Training, Rücksprache mit Revierkennern, Beiziehen von erfahrenen Fachleuten 05 Gleichgültigkeit-> Jede Ausfahrt ist eine “richtige” Ausfahrt, minimale Vorkehrungen werden immer getroffen, Wetter eingeholt, Karten studiert,
Bullaugen werden immer geschlossen, bevor man ausfährt… Und es ist erst fertig, wenn es fertig ist, die Schlussarie gesungen wurde (“It ain’t over till the fat lady sings”) 06 Jemand anders macht einen Fehler:-> Du kannst zwar das Verhalten anderer nicht beeinflusssen, aber durch Schulung des Bewusstseins für Vorgänge ausserhalb, “situational awareness” , kannst du auch hier Sicherheitsreserven schaffen.Auch dies läuft letztendlich auf Erfahrung und Training hinaus 07 Shit happens:-> Die einzige Massnahme, die du hier treffen kannst, ist Spielraum zu lassen und nicht immer auf Messer’s Schneide zu agieren. Das geht vielleicht im Alltag, aber im Extremsport gibt’s hier wenig Spielraum.Trotzdem scheinen grad Extremsegler z.B weniger “Pech” zu haben, als Alltagssegler, sogar wenn mal was passiert.Weil sie eben vorher die Reserven eingebaut haben.
Meist geschehen Unfälle erst, wenn drei bis fünf Komponenten resp. Kettenglieder aufeinander folgen, im englischen “chain of events”, davon kannst du die häufigsten fünf ausschalten! Das ist hausgemachtes Glück.
HAPPY SAILING!

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